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Der langsame Tod der Mittelwelle


Der Rundfunk im Lang-, Mittel- und Kurzwellenbereich ist schon lange auf dem absteigenden Ast. Zuerst merkte ich das, als der WDR den 1-MW-Sender Langenberg auf 1586/1593 kHz abschaltete. Der war nachts in weiten Teilen Europas sehr gut zu empfangen und im Urlaub eine deutliche Alternative zur Deutschen Welle. Ende März ist jetzt auch die BBC auf 648 kHz verstummt: Closure of the 648 kHz service continues the process of withdrawing from direct broadcasts to Europe in response to a declining number of direct listeners.

Kurzwellenversorgung für Mitteleuropa gibt es von der BBC schon länger nicht mehr. Die Frage ist, ob man statt dessen unbedingt Radio Peking hören will. Im oberen Mittelwellenbereich gibt es schon heute einige offensichtlich freie Kanäle.

Speziell die Langwellen des Deutschlandfunks würde ich vermissen. Damit lassen sich die "Laufmaschen" des UKW-Sendernetzes viel besser stopfen als mit den Mittelwellensendern. Die funktionieren tagsüber ja ganz brauchbar. Nachts haben sie aber heftig mit Fading und Interferenzen zu kämpfen; wohl auch wegen des Gleichwellenbetriebs weit voneinander entfernter Sender.

Die Alternative zu AM wäre übrigens kaum SSB, wie man manchmal zu hören bekommt. Die Zeit für die Neueinführung analoger Übertragungsverfahren ist lange vorbei. Statt dessen gibt es theoretisch DRM, wofür es aber kaum akzeptable Empfangsgeräte gibt. Ob so ein Empfänger 30 oder 300 EUR kostet, wäre mir relativ egal. Aber ich müsste ihn, wie früher meinen Sony ICF7600D, problemlos mit mir herumtragen können. Und er müsste mit einer Akkuladung wenigstens 10 h Betrieb machen.

Die Alternative ist ein UMTS-Smartphone mit Internet-Flatrate. Aber das UMTS-Netz hat auch noch genug "Laufmaschen". Von den 10 Stunden Laufzeit ist ein Smarphone wohl auch meist weit entfernt.

Kaum Proteste gegen Abschaltung der deutschen Mittelwellen-Sender

Wie ich kürzlich von einem einschlägig bewanderten Angestellten der ARD erfuhr, bekam Radio Bremen nach Abschalten seines Mittelwellensenders gerade mal 200 Protestbriefe. Bei einem Stadtstaat kann ich das Abschalten auch noch verstehen - dieses Gebiet lässt sich auch leicht mit 1-2 UKW-Sendern versorgen. In Flächenstaaten sehe ich das wesentlich kritischer: Die Reichweite eines größeren Mittelwellensenders ist deutlich größer als die der meisten UKW-Sender.

In der Frühzeit des Rundfunks war der Politik klar, dass der Rundfunk zur absolut kritischen Infrastruktur eines Landes gehörte. So hatte der Sender Mühlacker über Jahrzehnte ein 1-MW-Dieselaggregat und genug Brennstoffvorräte, um den Mittelwellensender für zwei Monate ohne äußere Stromversorgung betreiben zu können. Tempi passati: Ende des Jahres 2011 soll der Mittelwellensender Mühlacker auf 576 kHz abgeschaltet werden. Damit wird das wohl anspruchsvollste Programm des SWR, SWR Cont.ra, einen Großteil seiner Hörer verlieren.

An solchen Programmen sind ganz wesentlich gebildetere Rundfunkhörer interessiert. Viele davon haben keinen Internetzugang und werden sich, schon wegen fehlender Computerkenntnisse, keinen zulegen. Der andere Verbreitungsweg für SWR cont.ra, DRadio Wissen und ähnliche Wortprogramme ist DAB (Digital Audio Broadcast). Dieser Rundfunkstandard hat zwar in in Großbritannien den UKW-Rundfunk weitgehend verdrängt. Aber bei uns lief DAB immer auf Sparflamme. Ergebnis: DAB-Empfänger bekommt nur der, der ausdrücklich danach sucht. Und im Auto, wo diese digitale Übertragungmethode ihre Vorteile voll ausspielen könnte, gibt es DAB bei manchen Herstellern überhaupt nicht und sonst wohl eher als Option.

aber Phyrrussieg für den Amateurfunk?

Als Funkamateur kann ich dieser Entwicklung aber auch positive Seiten abgewinnen: Seit ein paar Jahren ist das 40m-Amateurfunkband doppelt so breit wie früher - übrigens direkt zu Lasten des Rundfunks. Und die Feldstärken im 40m-Bereich, die vielen Amateurfunkempfängern so große Probleme bereiten, lassen nach.

Auch an anderen Stellen merkt man, dass der Druck auf die Amateurfunkbereiche nachlässt - wenigstens auf den niedrigeren Frequenzen: Bei 137 kHz gibt es heute ein Amateurfunkband und im Bereich der früheren Seefunk-Notruffrequenz 500 kHz gibt es ein paar Sondergenehmigungen, mit deren Hilfe Funkamateure Experimente machen können. Schließlich stand die technische Entwicklung in diesem Frequenzbereich rund 80 Jahre fast still. Selbst von der digitalen Dividende des Fernsehens profitiert der Amateurfunk: Die Begrenzungen im Bereich 50-52 MHz (6-Meter-Band, früherer Fernsehkanal 2) werden langsam gelockert. Dieses Band heißt nicht umsonst bei Funkamateuren auch Magic Band.

Ganz anders sieht es aber auf den hohen Frequenzen aus, die sich zum Versorgen drahtloser Geräte oder dem breitbandigen Überbrücken kürzerer Entfernungen eignen: In Skandinavien ist das 70-cm-Band schon lange etwa halb so breit wie im Rest Europas: Oben und unten fehlen je 2 MHz und den Rest betrachten sicher viele kommerzielle Nutzer als nützlichen Sicherheitsabstand zum ISM-Band bei 432 MHz. Bei 800 MHz wurde die digitale Dividende aus der Digitalisierung des Fernsehens für viel Geld an die Betreiber der Mobilfunknetze versteigert.

Der Druck auf uns Funkamateure ist in Europa wohl nicht so stark wie in den USA. Dort haben die Funkamateure den Notfunk als zentrales Rechtfertigungsmittel ihrer Privilegien entdeckt. Das funktioniert bei uns längst nicht in diesem Maß, weil unsere technische Infrastruktur viel stabiler ist. Der deutsche Konsument muss im Schnitt mit 8 min Stromausfall im Jahr leben.

Eine Frage drängt sich allerdings auf: Was passiert mit den EMV-Grenzwerten unterhalb von 30 MHz, wenn dort außer ein paar Zeitzeichensendern wie DCF77 um 80 kHz und der U-Boot-Kommunikation unterhalb von 30 kHz kaum noch Funk betrieben wird? Selbst das Militär hat schon Alternativen zur Kurzwelle - die übrigens ein wesentlicher Grund für die Leistungsbegrenzungen der DAB-Sender sind.

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Alexander von Obert * http://www.techwriter.de/thema/derlangs.htm
Letzte Änderung: 14.05.11 (Abschnitt 'Kaum Proteste...' hinzugefügt)


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