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Wörtlich übersetzt bedeutet das Schlagwort aus einer Quelle
veröffentlichen. Das Ziel der meisten Ansätze ist, aus einem Quelldokument Ausgaben
in mehreren Formaten zu erzeugen - etwa gedrucktes Handbuch und Online-Hilfe.
Das Thema ist aber etwas vielschichtiger, als es allgemein diskutiert wird.
Der konventionelle Ansatz:
Ein Quelldokument, mehrere Ausgabeformate
Das gemeinsame Merkmal solcher Ansätze ist, daß der Autor ein Quelldokument mit
speziellen Eigenschaften versieht, die eine sinnvolle Konvertierung in mehrere Formate
ermöglicht. Solche Quelldokumente müssen sich an bestimmte Vorgaben halten,
damit die automatische Umsetzung fehlerfrei funktionieren kann. Gewöhnlich gibt es
bestimmte Äquivalenzen; eine Überschrift bedeutet den Anfang eines neuen Topics in der
Online-Hilfe und ein Verweis auf einen Glossareintrag wird zu einem Link, der ein
Pop-Up-Fenster öffnet. Auch gibt es praktisch immer Möglichkeiten, bestimmte
Informationen nur in bestimmten Ausgabemedien zu verwenden - also etwa Screenshots in
der kontextsensitiven Online-Hilfe auszublenden.
Typische Vertreter dieser Technik sind Winword-Aufsätze wie Doc-to-Help oder
Office-Help. Sie versprechen einen deutlichen Rationalisierungsgewinn unter der
Voraussetzung, daß (Papier-) Handbuch und Online-Hilfe praktisch identische Inhalte
haben. Auch fällt es auf diesem Weg relativ leicht, statt HTML-Help Javahelp o.ä. zu
erzeugen. Manchmal wird es allerdings ziemlich umständlich, mit festen 1:1-Beziehungen
zwischen irgendwelchen Papier- und Online-Merkmalen zu arbeiten.
Eine leistungsfähigere Variante des Single-Source-Publishing können XML-Systeme bieten,
weil sie ihre Inhalte auf einer abstrakteren Ebene auszeichnen. Es gibt eben mehr als
Kapitel mehrerer Hierarchieebenen oder Tabellen. Statt dessen weiß der Rechner "das ist
ein Warnhinweis" oder "hier ist die Gerätebezeichnung". So werden bedeutend abstraktere
Umsetzungen möglich, die den jeweiligen Zielmedien gerechter werden.
Logisch, daß solche Systeme bedeutend mehr Konfigurationsaufwand erfordern. Die
Hersteller werden dem oft dadurch gerecht, daß sie voll vorkonfigurierte Programmpakete
für bestimmte Einsatzzwecke anbieten. Bei XML-Systemen bietet sich z.B. Docbook als
Basis an.
Sonderwünsche des Anwenders lassen sich in XML-System zwar in weiten Grenzen erfüllen,
werden aber schnell teuer: Die Strukturbeschreibung (DTD) der Dokumente muß erweitert,
die Ausgabefilter müssen an vielen Stellen und für jedes einzelne Ausgabemedium
angepaßt werden. Kaum ein Technischer Redakteur wird hier noch selber die Hand anlegen
können, anders als bei der Anpassung von Druckformaten bei den Winword-Aufsätzen.
Weg vom linearen Dokument
Alle bislang geschilderten Ansätze bauen auf einer bevorzugten Anordnung der
Information auf, dem linearen Dokument. Dabei bestehen Bedürfnisse, ein Dokument
aus einzelnen Bausteinen aufzubauen:
- Bestimmte Teile eines Handbuchs sind vom Inhalt des Handbuchs unabhängig und werden
getrennt gepflegt - etwa die allgemeinen Warmhinweise oder das Verzeichnis der
Servicestellen.
- Viele Produkte eines Herstellers sind sich ähnlich, entsprechend tauchen manche
Passagen in vielen Anleitungen auf. Die sollen dann immer einheitlich sein und
müssen eigentlich auch nur einmal übersetzt werden. Im Extremfall kann der
Technische Redakteur auch fremdsprachliche Anleitungen zusammenstellen,
indem er die entsprechenden Textbausteine in der neuen Sprache wie im deutschen
Original zusammensteckt. Falls noch ein paar Details fehlen, übergibt er
genau die in die Obhut des Übersetzers. Als Hintergrundinformation bekommt der
Übersetzer vielleicht eine zielsprachliche Fassung der Anleitung, in der noch
ein paar Absätze deutsch sind.
- Wenn ein solcher Baustein geändert wird, dann sollte die Änderung möglichst auch
in allen anderen zukünftigen Verwendungen eingesetzt werden; bereits freigegebene
und veröffentlichte Anleitungen dürfen aber nachträglich nicht mehr verändert
werden.
Solche Anforderungen erfüllen Content-Management-Systeme. Im Endausbau kann die
Fertigungssteuerung die halbautomatische Produktion der Anleitungen anstoßen: Aus der
Stückliste des Produkts ergibt sich der Inhalt der Anleitung. Das Zielland bestimmt die
Ausgabesprache und ggf. muß noch die Gestaltung der jeweiligen (Handels-) Marke
berücksichtigt werden. Am Ende des Produktionsprozesses steht ein
Print-on-Demand-System, das genau die gewünschte Anzahl von Anleitungen produziert. Ein
Druckschriftenlager gibt es nicht mehr. Der Technische Redakteur macht in erster Linie
Qualitätssicherung, betreut ggf. die beschriebenen Übersetzungsarbeiten,
und schreibt nur noch sehr selten komplette Anleitungen neu.
Der nächste Schritt:
jede Information nur noch einmal halten
An einem Problem haben alle bisher geschilderten Ansätze wenig geändert: Viele
Informationen erscheinen im Quelldokument an vielen Quellen, entsprechend unsicher ist
ggf. der Änderungsdienst. Ändert eine Firma ihren Namen, so kann man alle Vorkommen
des Namens einfach durch Volltextsuche finden. Geht es dagegen z.B. um
Funktionsänderungen bei Software, fällt das Finden aller Instanzen der
Information bedeutend schwerer.
Einen Ansatz, den ich schon gelegentlich ausprobierte, ermöglicht das Autorensystem
Schematext: Das Quelldokument wird zunächst entsprechend der Struktur des Produktes
aufgebaut, die Strukturen der letztlich erzeugten Dokumentationen ist ein
gleichberechtigtes, völlig getrenntes Thema. Für derartige Mechanismen gibt es
mittlerweile mit Topic Maps nach ISO 13250 auch einen Formalismus. Ein Beispiel,
um das Vorgehen zu illustrieren:
- In einem Programm ermögliche ein bestimmtes Modul die Ein- oder Ausgabe bestimmter
Werte. Genau die beschreibt ein Datenmodul im Autorensystem.
- Überall in der Anleitung, wo diese Werte benutzt werden, wird das Datenmodul
(per Verweis) eingebunden.
- Das Quelldokument enthält so u.a. die Information dieses Datenmodul wird an
folgenden Stellen benutzt. Eine entsprechende Information sollten die
Programmierer aus ihrem Entwicklungssytem erhalten können, es gibt also eine
völlig neue Möglichkeit der Qualitätssicherung für die Dokumentation.
- Wenn die Programmierer ein Modul ändern, dann braucht auch der Technische Redakteur
nur noch eine Stelle zu ändern.
Ein bestimmer Baustein kann also an vielen Stellen verwendet werden. Zudem lassen
sich Abhängigkeiten berücksichtigen, die sich aus der jeweiligen Umgebung ergeben. Hat
das Programm beispielsweise einen Expertenmodus, so lassen sich in der Ausgabe
die fortgeschrittenen Funktionen im Kapitel Die ersten Schritte ausblenden. Das
ist ggf. eine Eigenschaft der Datenmodule, die Parameter für den Expertenmodus
beschreiben.
Das Quelldokument, sofern es überhaupt noch als solches existiert, enthält also zwei
oder mehr gleichberechtigte Giederungen. Dabei ist es
- nicht erforderlich, daß jede Gliederung auch alle Datenmodule nutzt,
- völlig normal, wenn ein Datenmodul vielfach eingebunden wird,
- durchaus möglich, daß ein Datenmodul seinerseits wieder aus Datenmodulen
mit unterschiedlichen Eigenschaften besteht und sich diese Eigenschaften
in jedem Ausgabemedium unterschiedlich auswirken,
- oft sinnvoll, daß bei der Ausgabe Informationen erscheinen, die aus Struktur des
Quelldokuments algorithmisch und über diverse Zwischenstufen gewonnen wurden.
Das Quelldokument wird so immer mehr zu einer Sammlung von Datensätzen, ähnlich wie
der Inhalt einer Datenbank. Mit derartigen Mechanismen entstehen in dieser Website
die Navigationsspalten. Ein Beispiel für eine bewußt unvollständige Gliederung
ist auf der Indexseite dieser Werbsite die Liste Die letzten Änderungen und
die daraus automatisch erzeugten roten Pfeile mit der gleichlautenden Bezeichnung in
den entsprechenden Detailseiten. Damit können die Stammbesucher dieser Website
durch jene Seiten blättern, an denen ich zuletzt wesentliche Änderungen
machte.
Zum Ende noch ein komplexeres Beispiel aus dem Wissensmanagement - für einen Kunden
erzeugte ich hier eine Intranet-Website mit 2.900 Seiten und 94.000 Links:
- Bei der Reparatur von Baugruppen gebe es Informationen, die über die Materialnummer
der Baugruppe zugänglich seien. In Datenmodulen vom Typ Materialnummer
stehen aber ausschließlich Informationen, die wirklich nur mit diesem einen Typ
von Baugruppe verbunden sind. Dazu gehört weder der Verwendungsnachweis (in jeder Anlage
stecken Baugruppen mit unterschiedlicher Materialnummer) noch der
Name des Entwicklers - der hat ja noch mehr Baugruppen entwickelt.
- Für jede zur Reparatur vorgelegte Baugruppe wird ein Datenmodul vom Typ
Seriennummer/Reparaturnummer angelegt. Hier werden z.B. Fehlerbeschreibung und
ergriffene Maßnahmen dokumentiert, die Materialnummer steht aber ausdrücklich nicht
darin; die wird durch eine Beziehung zum entsprechenden Datenmodul vom Typ
Materialnummer eingebunden.
- Entsprechend gibt es einen Datenmodultyp Anlage, der mit dem Datenmodultyp
Materialnummer über eine Beziehung vom Typ Verwendungsnachweis
verbunden ist.
- Mit Datenmodulen vom Typ Anlage kann ein Datenmodul vom Typ
Fehlercodeliste verbunden sein.
Mit dieser Datenmodellierung ist es jetzt kein Problem mehr, in die Ausgabeinstanz
eines Datenmoduls vom Typ Seriennummer/Reparaturnummer Links zu den
Fehlercodelisten jener Anlagen einzubinden, in denen die Baugruppe benutzt wird. Auch
lassen sich Kreisläufer erkennen und verlinken, indem bei allen Baugruppen mit der
gleichem Materialnummer die Seriennummern verglichen werden.
Fazit
Früher gab es für Technische Redakteure in erster Linie Werkzeuge, die sich bis auf
die Schreibmaschine zurückführen ließen. Auf der anderen Seite entstanden
Programmsysteme wie Datenbanken, die völlig andere Einsatzgebiete haben. Der
Graubereich zwischen beiden Systemen wird immer kleiner mit der Folge, daß der
Technische Redakteur mit immer abstrakteren Werkzeugen arbeiten muß und zunehmend den
Kontakt zum Papier verliert - selbst dann, wenn sein Endprodukt noch auf Papier
ausgeliefert wird.
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