Eine kleine Handreichung zur Medienpädagogik
So gerne ich die Financial Times Deutschland lese: Häufig genug zeigen Artikel überaus deutlich, dass
in der Redaktion der technische Sachverstand fehlt. Da werden wohl Pressemitteilungen unreflektiert
abgeschrieben, anderes Material ungeprüft übernommen, oder ohne Sachverstand eine vorgegebene Zeilenzahl
zusammengestoppelt.
Verständlich werden die folgenden Seiten nur im Zusammenhang mit dem jeweils am Anfang verlinkten
Artikel. Die Links öffen die entsprechende Seite der FTD-Website in einem eigenen Fenster. Schließlich will
ich urheberrechtlich sauber bleiben. Und urheberrechtlich geschützt sind diese Texte - schließlich sind sie
kreative geistige Schöpfungen der Autoren, die mit dem Stand der Technik nur begrenzt etwas zu tun haben...
Hinweis: Einige der folgenden Artikel sind über die FTD-Website nicht mehr oder nur noch gegen Bezahlung
zugänglich. Sorry, aber ich darf sie hier nicht anbieten.
(14) FTD, 01.08.11: Digitalradio: Sender, hört die Signale!
Natürlich kommt auf die FTD nicht an der Nachricht vorbei, dass am 1. August 2011 die Rundfunkausstrahlung in DAB+
beginnt. Aber über das Niveau eines Stegreif-Besinnungsaufsatzes kommt der Artikel nicht hinaus:
- Seit Jahren wird das Projekt mit vielen Millionen Gebührengeldern gefördert. Dabei suchen die Hörer ihre
Lieblingsstation längst lieber im Internet. So völlig falsch ist das ja nicht. Es ist aber noch nicht mal die
halbe Wahrheit: DAB lief bislang in Deutschland mit noch nicht mal halber Kraft - im wahren Sinne des Wortes:
Die bisherigen DAB-Sender benutzen den ehemaligen Fernsehkanal 12 und der liegt unmittelbar unterhalb eines
militärisch genutzten Funkbereiches. Deshalb legte die Bundeswehr ihr Veto gegen vernünftig starke Rundfunksender
für DAB ein. Entsprechend wenige Gebiete wurden bislang versorgt. Das wird jetzt anders, weil die Fernsehsender
nach Umstellung auf DVB-T bedeutend weniger Platz brauchen und folglich einiger Platz aus dem Fernsehbereich
für DAB+ umgewidmet werden kann. Und das weiter weg von militärisch genutzten Frequenzen, aöso ohne die leidigen
Leistungsbetrenzungen.
- Lieblingsstation längst lieber im Internet trifft es wohl nicht so recht: Längst nicht jeder hat eine
Datenflatrate für sein Handy und der Lautsprecher im Handy liefert aus physikalischen Gründen einen höchst
blecherenen Klang. WLAN ist da schon eine Alternative - aber nur in der eigenen Wohnung. Und die meisten Firmen
werden vielleicht ein privates Radio dulden, aber wohl kaum das Nutzen des dienstlichen Internetzugangs für
Internet-Radio.
- Stichprobe in der Hamburger Filiale der Elektronikkette Saturn: Rund ein Dutzend Internetradios ist dort im
Sortiment, aber nur ein DAB-Radio. Wir werden ja merken, ob's die im Lauf der Zeit merken...
- DAB plus, der Nachfolgestandard von DAB, mit verbesserter Tonqualität und Sendeleistung. Diese Aussage
ist jetzt wirklich verkehrt: An der Tonqualität tut sich erklärtermaßen wenig gegenüber dem Vorgängerstandard DAB.
Die Weiterentwicklungen der letzten knapp 20 Jahre führen aber dazu, dass man eine vergleichbare Klangqualität
mit der halben Datenmenge hin bekommt. Anders ausgedrückt: Ein Sender kann doppelt so viele Programme ausstrahlen
oder die Sendekosten halbieren sich. Das Thema Sendeleistung habe ich schon oben abgehandelt - das hat nichts
mit dem neuen Standard zu tun, sondern mit der digitalen Dividende des Fernsehens.
- Internetradio lasse sich nicht mehr verdrängen, der Zug sei "abgefahren". Dass das der Bitkom-Vertreter
das so sehen muss, ist klar. Schließlich ist das der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation
und neue Medien e.V. und dessen Mitglieder verdienen ihr Geld ja schließlich ganz wesentlich mit dem
Internet.
- Interessant könnte DAB plus vielleicht noch für Autofahrer sein - erlaubt es doch zusätzliche Verkehrsmeldungen,
auch als Text. Aber: "Es gibt bisher keinen Anbieter dafür" meint der ADAC. Richtig ist, dass die Autohersteller
bislang sehr zurückhaltend sind, was das Anbieten von DAB-Autoradios betrifft. Nach dem, was mir bislang Autofahrer
über DAB erzählt haben, ist das aber gerade da die absolute Killerapplikation - um Klassen besser als UKW.
Naja, ich beschäftige mich beim Autofahren lieber mit
meinem Funkgerät :-)
Völlig fehlt, dass die KEF
da kräftig die Finger drin hat: Auf deren Druck legen die
Rundfunkanstalten zunehmend ihre Mittelwellensender still.
Auch UKW steht schon auf der Abschussliste. Die digitalen Übertragungsverfahren brauchen bedeutend weniger Sendeleistung,
was Geld spart. Und die eingesparten Frequenzen kann der Staat anderweitig zu Geld machen, wie wir das beim Fernsehen
ja mittlerweile schon erlebt haben - siehe LTE.
So, das habe ich jetzt mal schnell aus dem hohlen Bauch geschrieben. Warum kriegt das bei der FTD keiner hin,
der dafür sogar noch bezahlt würde?
(13) FTD, 14.01.10: Technologiemetalle: Monopol für Hightech-Rohstoffe
Im Prinzip stimmt es ja: Seltene Erden sind eine Gruppe von Metallen, ohne die im High-Tech-Markt
nichts mehr geht. Es ist auch richtig, dass die Chinesen große Vorkommen von entsprechenden Mineralen haben -
teilweise sind das schon fast Monopole. Aber schlampig recherchiert ist der Artikel trotzdem:
- Tantal ist ein problematisches Metall, allerdings nicht wegen China. Es gehört zu den wesentlichen
Gründen für die Kriege im Osten der Demokratischen Republik Kongo. Wikipedia nennt eine ganze Reihe von Ländern, in denen Tantal gewonnen wird. China
ist nicht darunter. Eine Kontrollrecherche mit Tantal China liefert die erwarteten Ergebnisse: Natürlich
gibt es in China viele Hersteller von Tantalkondensatoren. Die Hälfte der Tantal-Weltförderung kommt aus
Australien.
- Bei Yttrium hat China wohl 60% Anteil an der Weltförderung - immerhin.
- Neodym war das erste Metall aus dem Artikel, bei dem China tatsächlich ein Quasi-Monopol hat.
Dass das mit dem Tantal eine glatte Falschmeldung war, erkannte ich schon beim ersten Lesen des Artikels.
Unwillkürlich ziehe ich da Schlüsse auf das einschlägige Wissen des Redakteurs - gar nicht so sehr wegen
der Technik, sondern wegen seiner weltpolitischen Kenntnisse.
Literaturhinweis: Deutschlandfunk:
Schwämme aus Tantal und Niob
(12) FTD, 20.06.08: Das flasht total
Diesmal hat sich der Autor vergleichsweise angestrengt. Aber so ganz rund bekam er den Artikel doch nicht.
Thema ist die Ablösung von Festplatten durch Flash-Speicher. Bei MP3-Playern ist das schon weitgehend
passiert, bei PCs noch kaum. Ursprünglich hatte Microsoft vor, mit Vista "Hybrid-Festplatten" zu
unterstützen, denn speziell beim Zugriff auf kleine Informationseinheiten ist Flashspeicher deutlich
schneller als eine Festplatte: Bei einer Festplatte muss dafür der Magnetkopf radial rein- und rausfahren und
jeweils warten, bis die richtige Information unter dem Kopf vorbei kommt. Bei der blanken
Übertragungsgeschwindigkeit haben herkömmliche Festplatten noch die Nase noch vorne.
"Bei rund 100.000 Zyklen ist momentan Schluss - das ist nicht viel" - das ist grundsätzlich richtig,
aber mittlerweile nicht mehr das Problem. Der nächste Fehler unterlief dem Autor bei den "Single-Level" und
Multi-Level"-Speicherzellen. Spätestens am Ausdruck dichter gepackte Verwandte wird klar, dass
der Autor das Speicherprinzip nicht verstanden hat - wodurch auch die Bemerkung die Niveauunterschiede
zwischen den Zuständen "Null" und "Eins" geringer verständlich wird: Bei Multi-Level-Speicherzellen
werden nicht mehrere Stockwerke übereinander gebaut, sodern in einer Zelle mehrere Bits gespeichert. Um zwei
Bits speichern zu können, hat die Zelle nicht nur einen "Ein"- und einen "Aus"-Zustand, sondern auch noch
zwei Zustände (level) dazwischen: die Abstände etwa zwischen 00 und 01 sind kleiner als zwischen 0 und 1 in
Single-Level-Zellen.
Ansonsten: Einchip-Computersysteme sind überhaupt nichts Neues. In vielen elektronischen Geräten tun sie
seit Jahrzehnten ihren unauffälligen Dienst - halt nicht in der Leistungs- und Speicherklasse wie
bei herkömmlichen PCs. Nicht nur der Prozessorhersteller AMD ist dabei, immer mehr Baugruppen eines
PCs gleich in den Prozessor einzubauen. Speicherzellen werden aber zumeist mit anderen Prozessen
hergestellt als Prozessoren und andere Logikschaltungen. Genau hier ist noch so mancher technischer
Durchbluch nötig.
So schnellebig ist die Technik: Es ist noch nicht lange her, da feierte die FTD die
Festplatte im MP3-Player...
(11) FTD, 18.06.08: Tiefspannung
Auch wenn der Redakteur leidlich korrekt wiedergibt, was man ihm eingetrichtert hat, muss das noch keinen
sinnvollen Artikel ergeben. So fehlen auch in diesem Artikel wieder diverse Informationen -
beispielsweise über den seit Jahrzehnten üblichen Stand der Technik.
Dies ist die neueste Technik der Versorgung mit Elektrizität: eine U-Bahn für Strom. Gähn! schon
seit viele Jahrzehnten gibt es in den Städten verkabelte Hochspannungstrassen. Interessant ist nur, dass
man das jetzt mit der obersten Netzebene mit 380 kV macht. Bislang kannte ich das von 110 kV.
Im Zentrum von Großstädten steht so alle 1-2 km eine Umspannstation von 110 kV auf 20 kV. Das
20 kV-"Mittelspannungsnetz" versorgt dann die verbrauchsnahen Trafostationen, die auch überall in den
Wohngebieten stehen - oft genug im Keller eines Hauses, erkennbar an der große Klappe im Gehsteig vor
dem Haus: Man muss den Transformator auch mal austauschen können, ohne das halbe Haus abbrechen zu müssen.
Die Bundesregierung gibt am Mittwoch in Berlin den Startschuss für weitere Strom-U-Bahnen in
Deutschland. Vier Versuchsstrecken soll es zunächst geben, drei in Niedersachsen und eine in Thüringen.
Ein Fünftel der 850 Leitungskilometer, die bis 2015 verlegt werden, verlaufen dem Plan zufolge unter der
Erde. Rechnen wir mal nach: Das sind geplant 170 km unterirdische Kabel, aber 680 km konventionelle,
oberirdische Trasse. Und an die 170 km glaube ich nicht so recht.
Richtig ist im Artikel natürlich, dass die Energieversorger die wirklichen oder vorgeschobenen
Transportengstellen nutzen, um sich gegen ihre Konkurrenz zu wehren. Das ist aber wenigstens noch
rationales Verhalten, ganz im Gegensatz zu den Gegnern der Hochspannungsleitungen:
"Die Stromtrasse verschlingt Unmengen von Natur, sie verschandelt die Landschaft und birgt mit der
Strahlung, die ausgesendet wird, eine kaum einschätzbare Gefahr." Richtig ist,
dass Hochspannungsmasten die Illusion der natürlichen Landschaft nehmen, die es bei uns aber sowieso kaum noch
gibt. Sie versiegeln aber keine
Landschaft und schränken die Nutzung kaum ein. Und was hier als "Strahlung" bezeichnet wird, kommt
genau so aus den unterirdischen Kabeln. Deren Magnetfelder lassen sich
kaum abschirmen. Aber wer am Bett einen netzbetriebenen Radiowecker stehen hat, bekommt davon mehr
Magnetfeld ab als von der Hochspannungsleitung vor dem Haus: Die Felder nehmen mit dem Quadrat der
Entfernung ab.
Wenn man das europäische Stromnetz integrieren und stabilisieren will, dann wird man sowieso bestimmte
Teile auf Gleichstrom umstellen müssen: Speziell Norwegen mit seiner vielen Wasserkraft kann man anders nicht
anbinden, weil das Skagerak zu breit ist. Auch gibt es in Europa mehrere Stromnetze, die man anders
nicht miteinander verbinden kann.
(9) FTD, 08.05.08: AMD stellt schnellere Chips her
Diesmal muss ich den Aufmacher zitieren: Der Halbleiterhersteller AMD hat im Wettlauf mit dem Marktführer
Intel seine ersten Chips mit sechs und später auch zwölf Rechenkernen angekündigt. Kann der Konzern den
geplanten Zeitplan einhalten, könnte er den Vorsprung seines Konkurrenten verringern.
Für jemanden, der die Rivalität zwischen AMD und dem Platzhirschen Intel kennt, war das eindeutig
eine Nicht-Nachricht. Die Nachricht wäre eine ganz andere gewesen, die findet man am gleichen Tag z.B. bei Heise online: Das war anscheinend auch der wichtigste Grund für ihre Veröffentlichung
am Tag vor der Aktionärsversammlung [...] Dort wird die AMD-Führung wohl mit bohrenden Fragen zu ihrer
Strategie konfrontiert sein, vor allem was die Rückkehr des Unternehmens in die Gewinnzone betrifft.
Dieser Schnitzer hätte dem Redakteur einer Wirtschaftszeitung nicht passeren dürfen!
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